PORTRÄTSERIE PROJEKTLEITER
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Personal data
Date of birth: August 15, 1968 Education 1975 - 1988 Elementary and High School Career history 2001 - 2002 Co-founder and Chief Scientific Officer at Sciconis GmbH, Heidelberg, Germany Career related activities 1992 - 1993 Research assistant, University of Toronto, Ontario, Canada Awards 1992 Fellowship of the German Academic Exchange Service (DAAD) Research interests Functional genomics, microarrays, adipogenesis, regulatory mechanisms
von Edda Grabar
In der Forschung ist es in gewisser Weise nicht anders als beim Fußball. So wie die erfolgreichen Trainer rund um den Globus nach erfolgreichen Spielern suchen, sitzen in den nicht minder hochrangigen Laboren heute Wissenschafter und Wissenschafterinnen aus aller Herren Länder. Und so wie eine Mannschaft ganz sicher nicht nur von technikverliebten Individualisten oder drangvollen Stürmern leben kann, besteht auch ein Forschungsteam aus ganz verschiedenen Charakteren. Wenn Marcel Scheideler sich selbst einschätzen müsste, dann sei er "der Spielmacher", sagt er. Sein Verein ist das Institut für Genomik und Bioinformatik an der Technischen Universität in Graz - und sein Ball ist ziemlich klein.
Dort forscht er an den derzeit kleinsten Reglern in der Maschine Lebewesen. Sie heißen microRNA und sind erst vor wenigen Jahren in die oberste Forschungsliga aufgestiegen. "Die kleinen Schnipsel bestehen aus nur 22 Bausteinen des Erbguts und lagern sich an Kopien aktiver Gene an, um diese zu hemmen", erklärt Scheideler. Während man bis vor wenigen Jahren diese molekularen Stellschrauben noch gar nicht kannte, nimmt man heute an, dass sie bei vielen Steuerungsprozessen in Lebewesen beteiligt sind. Unter anderem auch bei einer Entwicklung, die gerade den Industrieländern und vor allem den Vereinigten Staaten riesige gesundheitliche und wirtschaftliche Probleme mit steigender Tendenz bereitet: die Fettsucht oder medizinisch neutraler Adipositas genannt. Scheideler, selbst schlank und rank, findet es alarmierend, "dass die Zahl der Fettleibigen in Österreich und Deutschland über die letzten zehn Jahre so dramatisch gestiegen ist". Schon heute weist der so genannte Body Maß Index (BMI), der sich aus Körpergröße und Gewicht zusammensetzt, weltweit über eine Milliarde Menschen darauf hin, dass sie zu dick sind (BMI über 25); 300 Millionen davon sind regelrecht fett (BMI über 30).
Die Ursache dafür liegt nicht ausschließlich an Fastfood und Co. "Neben Kalorienbomben und Bewegungsmangel haben auch die Gene ihren Anteil", so Scheideler. Denn Fettgewebe entstehe unter dem Einfluss von Schaltern aus dem Erbgut. "Um ehrlich zu sein, wissen wir bislang nur wenig über die Fettzellentwicklung", gibt er zu. Aber mit der Entdeckung aktiver microRNAs in der frühen Fettzellentstehung könnte ein echter Durchbruch gelungen sein. Während nur drei Prozent des menschlichen Erbguts die Information für alle Proteine liefern, die irgendeine Aufgabe im Stoffwechsel übernehmen, entstammen die bislang etwa 500 bekannten microRNAs exakt aus den restlichen 97 Prozent. Erstmals entdeckten Wissenschafter und Wissenschafterinnen damit Regulatoren des Körpers, die eben nicht aus Proteinen bestehen. Die Herausforderung, die Rolle dieser neuen kleinen Knipser in der Fettzellentwicklung aufzuklären, hat Marcel Scheideler in Graz angenommen.
Denn eigentlich kommt Scheideler aus Essen im Ruhrgebiet, tief im Westen der Republik Deutschland. Doch irgendwie zog es ihn immer ein Stückchen weiter in den Süden. In Mainz und Toronto studierte er Chemie, um anschließend am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg sich der Analyse des Erbguts zu verschreiben. Sein Spezialgebiet war und ist die Entwicklung von so genannten Microarrays, gemeinhin als Genchips bekannt. Auf Fingernagel-großen Plättchen kleben - im wortwörtlichen Sinne - Millionen der sensiblen DNA-Fragmente, die moderne Maschinen im Hochdurchsatz in Proben tunken und analysieren. So identifizieren Wissenschaftler Gene, prüfen, unter welchen Bedingungen sie an - oder ausgeschaltet werden. "Das ist bei den drei Prozent echter Gene vergleichsweise einfach", meint Scheideler. Ihm und seinem Team ist es aber in Graz gelungen, einen solchen Array auch für microRNAs zu etablieren - sowohl für den Menschen als auch für die Maus und die Ratte. "Denn die microRNAs liegen in sehr alten Genombereichen, die für Ratte, Maus oder Mensch häufig identisch sind", sagt er. Derzeit kennt man 200 verschiedene Typen im Menschen, die in der Maus absolut identisch sind. Bevor er sich allerdings diesen kleinsten Reglern widmete, verabschiedete er sich nach seiner Promotion kurzfristig aus der Wissenschaft und gründete als wissenschaftlicher Leiter das Biotech-Unternehmen Sciconis GmbH. "Dabei sammelt man eine Menge Erfahrung, vor allem im Umgang mit Mitarbeitern", sagt er. Und: Wie wenig Zahlenjongleur und wie viel Forscher in ihm stecken.
Es war dann schließlich sein nie abgebrochener Kontakt zum Deutschen Krebsforschungszentrum, der ihn nach Graz führte. An der Technischen Unuversität suchte man händeringend einen Praktiker für genomweite Analyseverfahren und fragte beim Krebsforschungszentrum an. Er wiederum erkundigte sich dort nach Angeboten. "Ih bin hier in einem ausgesprochen innovativen Umfeld", schwärmt Scheideler heute. Die Interdisziplinarität aus Telematik, Mathematik, Biologie, Chemie und Medizin ist so ganz nach seinem Geschmack. "Man kann sich den Forschungsball immer wieder einander zuspielen", sagt er. Und wie im Fußball auf diese Art die schönsten Tore fallen, werden in der Forschung so die besten Ideen geboren und "vor allem umgesetzt", fügt er hinzu. Das zeigt Erfolg: So hat das Team für medizinische Fragestellungen am Menschen einen Genchip entwickelt, der etwa 30.000 DNA-Stückchen enthält, und einen microRNA-Chip, der gezielt 420 kleine micro-RNAs parallel aus einer Probe herausfischen kann. Mit ihrer Hilfe konnten sie in den so genannten adulten Stammzellen eine Reihe von microRNA-Schaltern im Menschen identifizieren. Nun sind zunächst einmal die Nagetierchen an der Reihe: "Erst müssen wir nachweisen, dass sie nicht nur in vereinzelten Zellen, sondern auch in lebend(ig)en Mäusen aktiv sind", erklärt Scheideler. Dann aber kann die Suche im Menschen beginnen.
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